Sprung in den Schatten
- susannejakobi
- 13. Nov. 2025
- 5 Min. Lesezeit
„Warum sind wir nicht alle erleuchtet? Weil da noch Schatten sind, wo das Licht bisher nicht durchgedrungen ist.“
„Was ist wenn das was wir suchen nicht vor uns ist, sondern in uns liegt?“
Mit diesen Fragen und Aussagen beginnt ein Video-Interview mit Shaolin-Meistern.
Ich kann nicht sagen, ob ich es empfehlen würde, weil ich es mir nicht weiter angesehen habe. Nach diesen zwei Sätzen hatte ich einfach den Beginn für meinen folgend Blog und war somit beschäftigt mit Schreiben 😉
Zu Schattenarbeit möchte ich meine Erfahrungen aus der Klientenarbeit und eigene Erkenntnisse teilen.
Aber zuerst die Theorie, damit wir alle auf der gleichen Ebene starten. Zugegeben meine Ebene, aber es ist ja auch mein Blog…
Wenn ich Carl Gustav Jung richtig verstanden habe, sind Schatten Teile unseres Unterbewusstseins, die nicht bewusst sind und noch Integrierung brauchen. Denn schlummern sie weiterhin unerkannt in unserem Unterbewusstsein herum beeinflussen sie uns, meist negativ, im Leben.
Ein Schatten ist ein nicht-integrierter Teil (hey das hab ich doch schon gesagt), den wir an uns ablehnen (das noch nicht). Ablehnen, weil er uns nicht gefällt, wir uns damit schlecht fühlen, schlechte Erfahrungen damit gemacht haben, es gibt viele Gründe.
Ein Anteil ist ein Zustand oder eine Rolle, die ich einnehme und mich auf eine bestimmte Weise dadurch verhalte. Beispiele sind: Angst, Mutterrolle, Schwäche, Stärke, Aggression, Verlangen, auch hier gibt es ganz individuelle Ausprägungen was der Schatten genau repräsentiert.
Soviel zur Theorie. Wie bringe ich das nun in die Praxis, bzw. in unser Alltagsleben?
Deshalb erzähle ich euch, wie ich meinen Schwäche-Anteil integriert habe.
Lange, lange, langeeeee habe ich nicht erkannt, dass ich einen Schatten zum Thema Schwäche hatte. Ich dachte einfach, dass ich ein Mensch bin, der mutig und tatkräftig die Aufgaben des Lebens angeht und versucht nicht schwach zu sein. Mit ‚schwach-sein‘ meine ich hier es nicht zuzugeben, wenn es mir schlecht geht, stark sein müssen egal in welchen Umständen, keine Verzweiflung oder Verwirrung zu zeigen oder einfach mal Schmerzen zu haben, darüber zu reden und sich helfen zu lassen. Natürlich hatte ich solche Momente, andere Menschen in meiner Umgebung haben es nur nie zu Gesicht bekommen.
Und ich hatte Probleme im Umgang mit Menschen, die gut schwach sein konnten. Die eben mit sich soweit im Reinen waren, dass sie sehr wohl zugeben konnten, wenn es ihnen nicht gut ging, wie auch immer dieser Zustand ausgesehen hatte. Für mich fühlte es sich so an, dass sie sich zu sehr in diesem Gefühl laben, dass sie zu wenig tun um da raus zu kommen. Als ob es ein Zustand wäre, den man nicht behalten kann und darf (was natürlich Blödsinn ist, das Gefühl ist eben da). Ich fühlte mich nicht wohl damit umgehen zu müssen.
Dabei ist mit den anderen alles in Ordnung. Sie sind so wie sie sind. Mir war das lange nicht klar.
Bis ich zum Glück angefangen habe das Prinzip auch anzuwenden: Jedesmal wenn wir über etwas urteilen oder uns etwas besonders bewegt, hat es mit uns selbst zu tun.
Puh, okay. Ich glaube das jetzt mal als Wahrheit. Was hat mein unangenehmes Gefühl bei jemand anderen, wenn er oder sie gerade schwach ist also mit mir zu tun?
Die Antwort habe ich nicht sofort gefunden. Es ist eher wie ein Labyrinth in dem ich nicht gleich den Ausgang gefunden habe. Da musste ich schon ganz tief hineinschauen. Und schreiben… Mir die Finger wund schreiben (sagt man doch so, oder?)
Aber dann gings recht flott. Im Grunde ist die Formel ganz einfach. Die Umsetzung erforderte bei mir halt, dass ich mein Ego etwas auf die Seite schiebe. Das hab ich schwer gefunden.
„Lehnst du etwas im Anderen ab, ist das ein Teil, den du an dir selbst ablehnst.“
=
Ich lehne schwach-sein bei Anderen ab, das heisst ich lehne Schwäche bei mir ab.
Damit geht die Aufmerksamkeit vom Anderen weg zu mir zurück. Weg von der Kritik am Anderen, im Außen, zurück zu mir und meinem Inneren und ja, der Kritik an mir selbst.
Ein wie ich finde nicht leicht zu bewerkstelligender Vorgang bedenkt man, dass es VIEEEEL einfacher ist den Anderen zu kritisieren als sich selbst und damit die Verantwortung für dieses ‚Thema‘ zu übernehmen und nicht mehr abzugeben.
Ich habs mir nicht erlaubt, vor anderen schwach sein zu dürfen.
Nicht schwach sein zu dürfen vor anderen hat eben einen entscheidenden Nachteil: das führt zu einer Art Einsamkeit. Es ist eine Art von Unehrlichkeit, die echte Nähe und Qualität negativ beeinflusst. Wenn ich mich niemals schwach zeige vor anderen und ich meine nicht vor der ganzen Welt, sondern im näheren Umfeld, dann dürfen sie mich nicht wahrnehmen wie ich bin, mit all meinen Facetten. Das würde ich als unehrlich bezeichnen, manchmal sogar in der extremen Form dass Menschen sich selbst gegenüber die Schwäche nicht zugeben können. Ich hab das gemacht. Ich habe mir nicht zugestanden schwach zu sein, somit auch nicht vor anderen. Ich habe diesen Teil von mir abgelehnt. UND HIER IST ER, DER SCHATTEN. Tataaaa.
Gut, jetzt wissen wir also was ein Schatten ist und wie sich ein Schatten in meinem täglichen Leben zeigen kann. Aber wie weiter?
Darauf gehe ich im nächsten Post ein, ich nähere mich an eine ganz praktischen Anleitung zum Thema Schattenarbeit indem ich davon erzähle was und wie ich es gemacht habe. Die Umsetzung kannst nur Du selbst machen. Entweder allein oder mit mir gemeinsam in der Praxis.
Vielleicht ist schwach hier gar nicht der richtige Ausdruck, ich weiß es nicht. Vielleicht Bedürftigkeit? Entscheidet bitte selbst.
Heute sehe ich gewisse Gefühlszustände nicht mehr als Schwäche an, eher als Reinigung und als normale Gefühlszustände. Wer kann schon immer lustig und stark sein? Sehr unrealistisch.
Ich lerne auch für mich mit mir und auch in meinem Umfeld wieder schwach zu sein. Es beginnt damit, dass ich es mir erlaube so zu sein.
Und siehe da, die Reaktionen sind anders als ich es mir gedacht hätte. Es ist kein Problem. ICH habe es zu einem Problem gemacht.
Vieles ist jetzt leichter, weniger Kontrolle, mehr Authentizität und das wirkt sich natürlich in meinen Beziehungen aus. Nicht zuletzt kann ich auch deshalb meiner Beratungstätigkeit voll und ganz nachgehen.
Das ist eines der Hauptthemen in meinen Beratungsstunden. Nicht Schwäche oder Bedürftigkeit, sondern Schattenarbeit und Projektion.
Und natürlich gibt es Gründe dafür, dass ich so geworden bin. Es gibt immer Gründe, Ursache und Wirkung, ein universelles Prinzip. Ich bin da nicht anders als alle anderen. Diese aber jetzt auch noch zu beleuchten sprengt meiner Ansicht nach den Rahmen eines Blogposts und gehört für mich zum Teil der Verarbeitung dazu.
Manche sagen gar, warum ist es überhaupt wichtig zu wissen was der Grund ist? Was ändert sich dadurch? Kann man keine Lösung finden ohne den Grund zu kennen? Ja, kann ich nachvollziehen diese Sichtweise und ich denke es ist möglich.
Es fällt mir schwer diesen Beitrag zu teilen, weil er zum Teil schonungslose Offenheit zeigt. Bisher stand das in meinem Notebook und jetzt teile ich das mit der Welt. Oh Gott im Himmel, Selbstzweifel überkommen mich. Aber vielleicht ist da ja auch ein bisschen Harmonisierendes drin. Für mich und für dich. Für mich, weil ich lerne mich zu öffnen auch mit den nicht so angenehmen Gefühlen. Für dich, abgesehen davon, dass nur du den Grund dazu kennen kannst, vielleicht weil du siehst wie jemand anderer sich öffnet und bei Gott nicht alles perfekt dabei ist (gar nicht sein kann).
Und manchmal muss man einfach springen im Leben. Ins Ungewisse, ohne zu wissen was dabei rauskommt. Risk ist baby.
Ich mach mal voraus… Kommst du dann nach?
Jung schreibt:
Man kann den Schatten nicht übergehen, außer man bleibt neurotisch, und solange man neurotisch ist, hat man den Schatten übergangen. Der Schatten ist das Hindernis, das uns am wirksamsten von der göttlichen Stimme trennt. (aus Briefe III, S. 287).



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