Projektionsumwandlungsmaschine
- susannejakobi
- 15. Nov. 2025
- 6 Min. Lesezeit
„Jedesmal wenn wir über etwas urteilen oder uns etwas besonders bewegt, hat es mit uns selbst zu tun.“
Die Projektion entsteht dann, wenn ich nicht im echten (unangenehmen) Gefühl bin, sondern dieses überspiele (oder verdränge, nicht zugeben mag, nicht zeige, mir peinlich ist, nicht erlaube oder sonst einem Grund warum es nicht ausgesprochen oder gezeigt wird). Manchmal mache ich das bewusst (das unangenehme Gefühl verdrängen), manchmal unbewusst (um die Sache noch etwas komplizierter zu machen).
Jedenfalls: Die echte Basis für das Gespräch fehlt, weil ein Teil von einer oder vielleicht sogar beiden Personen nicht ausgesprochen wird. Damit ist das Gespräch auf einer anderen, darüberliegenden Ebene.
Meinem Empfinden nach wird die Situation dann besonders unangenehm, weil ich genau spüren kann, dass da noch etwas anderes ist. Mitunter nicht WAS in diesem Moment, aber es reicht schon um den Gedanken zu haben, dass die Situation unauthentisch ist. Und das gilt genauso wenn ICH mich so verhalte und ich spüre es auch wenn der Andere sich so verhält.
So sind wir Menschen, dumm sind wir nicht, das steht fest, auch wenn wir bewusst nicht erklären können was genau vor sich geht.
Das Gespräch kann dann ganz schnell ins Unangenehme drehen. Man versteht sich nicht mehr, fängt an abzublocken, zu streiten, den Anderen irgendwie zu bevormunden… schon erlebt?
Projektionen sind von einfach bis unheimlich komplex, alles vertreten. Habe ich eine erkannt, ist die nächste schon wieder im Anmarsch und wie es das Universum so will, kommt die nächste versteckter, vernebelter, mit viel mehr Ego und Widerstand daher, als die davor.
Natürlich alles nur, damit wir besser werden im Umgang mit unseren eigenen Projektionen 😉
Ich versuche das mit ein paar Beispielen zu untermauern:
(Vergleiche bitte Situationen, die du ganz unaufgeregt, ohne Urteil, ohne intensive Gefühlsregung wahrnehmen kannst vs. Situationen, die dich aufregen, der Andere dich aufregt, du anfängst zu urteilen.)
Projektion: „Oh er hat aber viele Muskeln, nimmt sicher Anabolika.“
Was zeigt sich hier? Ein Urteil, eine Annahme, die wahr oder auch nicht wahr sein kann, Vielleicht Neid.
Was könnte darunter liegen, was nicht gezeigt wird? Vielleicht der Ärger über den eigenen fehlenden Ehrgeiz auch mehr für die Figur zu tun. Oder vielleicht Ärger über fehlende Disziplin.
Projektion: „Ich freue mich für dich, hoffentlich hält diese Beziehung diesmal für dich an und endet nicht im Disaster, sowie die anderen.“
Was zeigt sich hier? Echtes Mitempfinden? Wohl kaum, mit dem Nebensatz hat diese ganze Behauptung einen fahlen Nachgeschmack.
Was könnte darunter liegen, was nicht gezeigt wird? Vielleicht die eigene Einsamkeit, weil man grad nicht in Beziehung ist. Vielleicht die Angst, dass der oder die Bekannte jetzt weniger Zeit für einen selbst haben wird und damit wieder Hinweis zur Einsamkeit.
Projektion: „Sie ist so eifersüchtig und anhänglich. Sie ist das Problem und sollte eine Therapie machen damit es besser wird zwischen uns.“
Was zeigt sich hier? Ein Urteil und das Zuschieben der alleinigen Verantwortung für eine Krise in der Beziehung.
Was könnte darunter liegen, was nicht gezeigt wird? Möglich wäre die eigene Unzulänglichkeit beim Grenzen setzen, die Angst davor Veränderungen in der Beziehung vorzunehmen, eventuell die Verärgerung mehr für die eigene Freiheit einstehen zu können.
Versteht mich richtig bitte: Ich sage nicht, dass die Situationen anders sein müssen, wenn man nicht projiziert und dass sich mitunter jemand nicht schlecht oder schädlich verhält. Sie sind so wie sie sind, Situationen und Menschen. Und im Regelfall treffen zwei aufeinander, die beide ihre Themen haben und in der Dynamik gut zusammenpassen.
[Und noch eine Anmerkung, die mir wichtig ist: Wenn irgendeine Form von Gewalt vorliegt, dann bitte aus der Situation raus so schnell es geht und Hilfe holen; hier in meinem Blog spreche ich von Gesprächssituationen]
Ich sage: Unser Urteil darüber und dass es uns negativ bewegt, macht die Lösung der ohnehin schon schwierigen Situation MIT Projektion noch schwieriger als ohne.
Wenn ich urteile oder jemanden beschuldige, dann habe ich quasi ein zweites Problem auf der Backe. Weil ich ja in der Situation nicht ehrlich bin. Nicht ehrlich in dem was mich bewegt. Nicht zum anderen und/oder zu mir und zum anderen.
Das nimmt der Situation die Authentizität, weil was soll dabei herauskommen wenn ich den anderen beschuldige oder verurteile? Richtig, vermutlich mehr Beschuldigungen und Urteile. Und zwar vom anderen dann zu mir. Wir sind dann ganz weit weg von einer ehrlichen Gesprächsdynamik zwischen zwei Menschen und enden vielleicht im Streit.
Passiert aber die Projektion nicht, kann ich mich in der Situation ehrlich zu mir selbst und auch zum anderen zeigen. Auch wenn es unangenehm ist, stehen die Chancen gut, dass das Gespräch auf einer authentischen Basis weitergeführt werden kann. Empathie wird möglich, vielleicht sich entschuldigen, dem Anderen die Möglichkeit zur Herzöffnung damit geben, echte Lösungen können gefunden werden.
Ohne andere Menschen, rein im Gedankenspiel funktioniert das auch mit der Projektion.
Auch hier ist mein Tipp: hinschauen, Projektion erkennen und sich mit seinen eigenen unangenehmen Gefühlen beschäftigen.
Kann ziemlich befreiend sein…
Und auch hier möchte ich anmerken wie viel Energie es kostet zu projizieren im Unterschied dazu mit sich im (Gefühls)Reinen zu sein. Schau mal ob du für dich auch einen Unterschied dazu wahrnehmen kannst.
Das Ego macht das leider immer wieder, auch automatisch. Meines auch, mein Gehirn funktioniert auch nicht anders als alle anderen. Ich erkenne es mittlerweile schnell wenn es passiert und verlasse dann die Umleitung zurück zum (unangenehmen) Quellgefühl. Manchmal spreche ich es aus, manchmal nicht, sondern nehme es nur wahr in mir. Auch das verändert die Situation schon hin zum Authentischen. Und wahrlich muss man nicht in jeder Situation immer alles aussprechen oder sich immer verletzlich zeigen. Aber im Innen anerkennen, das kann man schon machen.
Letztlich muss man gar nix, jeder darf das für sich entscheiden. Ich versuche hier nur Optionen aufzuzeigen, wie es auch anders gehen kann.
Sich dauernd vom Inneren abzuwenden und im Aussen zu projizieren kann ganz verwinkelte und auch extreme Auswirkungen im Leben annehmen. Ich spreche von Süchten und Fetischen. Aus meiner Sicht beginnen sie damit, dass man sich mehr und mehr vom inneren Selbst entfernt. Und nochmal, wahrscheinlich aus guten Gründen, das möchte ich hier auch nicht absprechen, dass Menschen schlimme Erfahrungen gemacht haben. Ich versuche lediglich eine Verbindung herzustellen damit, wie wichtig es ist sich selbst ehrlich wahrzunehmen anstatt es in eine Obsession im Aussen zu verwandeln. Und ich spreche von einer Obsession, nicht von einem Hobby für das man sich sehr interessiert und sich richtig reintigert. Durch die Extremität entsteht das Problem.
Ob man nun darüber spricht oder nicht, aber zumindest sich selbst gegenüber. Es gibt auch bei mir Dinge, über die ich mit anderen kaum spreche. Aber sie sind mir bewusst und ich bin da ganz offen ehrlich mit mir.
Das wünsche ich mir für dich auch. Damit schaffst du dir ein paar Probleme ab in deinem Leben, wenn du deine Projektionen erkennst und davon abweichst. Versprochen.
Das ist übrigens auch eines meiner Hauptthemen in der Beratung mit Klienten und Klientinnen.
Weil das eben JEDEM/JEDER passiert.
Viel Spaß beim Aufdecken von deinen Projektionen, nicht die der anderen (!), deiner eigenen (!) 😊
Sich mit den Projektionen der Anderen zu beschäftigen, wäre auch wieder deine eigene Projektion 😊
Fürs Protokoll, weil ich im Anschluss noch viel darüber nachgedacht habe, ob meine Darstellung nicht zu einseitig ist. Ob man den Eindruck bekommen könnte, dass man ‚nur‘ an sich selbst arbeiten müsste, obwohl es ja genug Situationen da draussen gibt, die einfach nicht ok sind. Und für alle, die jetzt aufschreien und sagen: Aber der Andere verhält sich trotzdem ungerecht.
Ja, in der Tat kann das so sein, dass der Andere nicht reflektiert, seine eigenen Projektionen nicht erkennt oder erkennen will. Weitermacht mit seinen unfairen, ungerechten Anschuldigungen/Aussagen, oder was tut, das einfach nicht ok ist. Da fällt mir als Beispiel Mobbing ein, bei dem der ‚Mächtigere‘ nicht einfach aufhört mit seinem Machtspiel nur weil der Gesprächspartner reflektiert an die Sache herangeht…
Ich spreche davon zu erkennen, was in einem selbst vorgeht und wo die eigene Projektion liegt. Ob der andere mitzieht und wie er darauf reagiert, ist seine Entscheidung. Im Idealfall verändern beide ihre Art zu sprechen auf eine wahrhaftigere Ebene zurück. Im schlechten Fall ist einer reflektiert und der Andere noch immer nicht und damit entsteht zusätzlich eine Unausgeglichenheit.
Ist dann der Zeitpunkt gekommen zu gehen, sich zurückzuziehen? Für mich schon, ob du es auch so entscheiden würdest?
Und da ich so gerne mit Jung abschließe, hier bitte:
„Da der Mensch die relative Freiheit hat, seine Wege zu wählen, so steht es ihm frei, sich auf den Irrweg zu begeben und, anstatt sich mit der Realität seines Unbewussten auseinanderzusetzen, anzufangen, darüber zu spekulieren und sich von der Wahrheit der Natur abzusetzen. Ich hege darum keinerlei philosophische Hoffnungen. Die eine Hälfte der Wahrheit liegt wohl auf der Hand des Menschen, die andere liegt aber in der Hand dessen, der größer ist als wir.“ (aus Briefe III, S. 368)



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