Den Schatten erleuchten
- susannejakobi
- 15. Nov. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Der erste Satz ist für mich der Schwierigste. Weil ich an hundert Dinge denke, die ich in den Text reinpacken möchte und auch weil ich ja einen wahnsinnig guten Einstieg in einen neuen Text haben möchte. Das stresst mich. Somit verschiebe ich und plötzlich werden so viel andere Dinge wichtig, wie Nachrichten lesen, was essen, ein Schläfchen machen, haaaaach!
Nun, da ich mit diesen Sätzen begonnen habe, kann ich gleich auch noch über Schattenarbeit schreiben. Jetzt bin ich schon drin quasi (tja, das ist meine ‚ich überliste mich selbst-Taktik, nicht sonderlich fantastisch, aber wirkungsvoll).
Im letzten Blogpost über Schattenarbeit habe ich mich daran angenähert was ein Schatten ist. Okay, was aber kann man nun tun mit einem Schatten in sich, den man erkannt hat?
Oder vielleicht fange ich einen Schritt früher an, wie man einen Schatten überhaupt erkennen kann.
„Lehnst du etwas im Anderen ab, ist das ein Teil, den du an dir selbst ablehnst.“
Das ist mal ein wirklich guter Zugangshinweis wie ich finde. Ein Zugangshinweis der mich bewusst merken lässt – ha, da ist was.
Nicht jede Ablehnung ist gleich ein Schatten, nicht jedes negative Gefühl ein Zugangshinweis dazu. Ich denke es kommt auf die Extremität an, wie sehr es einen belastet. Wie stark die Gefühle dazu sind und ob sie wie im wundersamen sich immer wiederholenden Kreislauf scheinbar nicht enden wollen.
Ich lehne schwach-sein bei Anderen ab, das heisst ich lehne Schwäche bei mir ab.
Bei mir hat das so gestimmt. Und selbst wenn es nicht stimmt ist es meist das Ego, dass ein Tieferschauen zu verhindern versucht. Warum? Na weil das wahrscheinlich weh tun wird. Dran bleiben lohnt sich also, dem Ego keinen Glauben schenken und weiter unten suchen.
Tut man das nicht, rutscht man wieder in die Projektion und der Andere oder die Sache im Außen ist weiterhin `schuld`.
Aber das stimmt so nicht. Auch wenn es die harte Wahrheit ist, die weh tut, wir sind immer für uns selbst verantwortlich und wenn es mich stört, hat es mit mir zu tun.
Ich halte also fest an diesem Grundsatz, schlucke die bittere Pille, dass ich selbst schuld bin und nicht der Andere, und bitte mein Ego mir zu helfen in mir drin zu finden - die Ursache für dieses ‚Stören‘ zu finden. Mehr weiß ich ja zu diesem Zeitpunkt noch nicht… Und dann schreibe ich alles auf was mir dazu einfällt, ohne Wertung einfach aufschreiben, versuche es von allen Seiten zu beleuchten. Viele Fragen sind da dabei, die zu dem Zeitpunkt unbeantwortet bleiben. Auch noch eine Meditation dazu und da alles zu fühlen, was es dazu zu fühlen gibt. Ohne Plan, ohne Liste, einfach hingeben, dass ich finde was ich finden muss.
Und in diesem Prozess finde ich Antworten. Antworten, die ich vorher nicht hatte.
Damit sind wir im 2. Schritt. Der Schatten ist jetzt da, wie immer dieser auch in der höchst-individuellen Situation sich präsentiert. Bei mir war es das Schwach-Sein, das Bedürftig-Sein, dass ich an mir abgelehnt und dadurch auch im Außen abgelehnt habe. Ablehnen heisst in diesem Fall, dass ich zwar nicht Menschen gemieden habe (ich möchte nicht, dass das jemand glaubt), aber ich habe mir regelmäßig schwer getan, mich unwohl gefühlt in mir und meistens abgeblockt, passiv aggressiv reagiert und versucht den anderen mit Lösungen bombardiert. Ein Verhalten, das der Andere in seiner Situation meistens gar nicht gebraucht oder gar danach gefragt hätte. Aber es viel mir eben schwer mit echter Empathie zu reagieren, weil in mir eben dieser Schatten sein volles Potential entfaltete. Im negativen Sinn.
Mit echter Empathie reagieren würde dann bedeuten den Anderen in seinem Zustand zu nehmen und zu lassen, anstatt zu versuchen, dass er sein Verhalten ändert, damit ich mich wohler fühle. Denn das ist nur Projektion, das Gefühl im Innen wird im Prinzip nicht angeschaut.
Also, der Schatten ist jetzt da. Und damit beginnt für mich die intensivste Phase. Antworten zu finden ist schon nicht leicht. Das Ego spielt hier eine entscheidende Rolle, aber eher im Negativen. Es gibt uns nämlich unentwegt Antworten, die mitunter dem Schatten dienen, ihn unten zu halten. Denn alles andere würde Schmerz oder Unwohlsein** bedeuten und das muss ja vermieden werden, wozu das Ego zuständig ist. Wäre es nicht so, wäre ja auch der Schatten nicht im Unterbewusstsein sondern einfach bewusst. Es ist also ein Zusammenspiel zweier Kräfte, das in diesem Fall ungünstig für mich wirkt, folglich zu unterbrechen schön wäre.
Deshalb konzentriere ich mich, lasse Antworten vom Ego nicht gelten (das Verhalten des anderen war so dumm, die Situation ist so festgehfahren, was auch immer, jedes Urteil eben, das mir das Ego hinschmeisst, gilt nicht). Und das ist schwer in der Praxis, so verständlich es sein mag, wenn ich das nun beschreibe, es in der Praxis zu leben ist schwer, weil meine Gedanken ja nicht so logisch aufgelistet und beschriftet daherkommen. Sie sind eben normale Gedanken gemischt mit Gefühlen, normalerweise machen wir nicht bewusst einen Schritt zur Seite und fangen an, das was wir denken nicht zu glauben… Normalerweise glauben wir es ja was wir so denken.
(Klingt kompliziert, ist es auch. Bist du jetzt verwirrt? Gut, dann beginnt dein System schon umzudenken… Das ist der nächste Schritt in die Veränderung.)
Und nach einer Zeit des Widerstandes gegen mein eigenes Ego – ja das ist auch genauso anstrengend wie es klingt – kommen die echten Antworten. Diejenigen aus meiner eigenen Tiefe.
Und die sind nicht einfach zu nehmen. Lösen vielleicht Schmerz aus. Zu erkennen, dass man das mit sich selbst gemacht hat, was man mit anderen gemacht hat. Ich kann es kaum beschreiben. Es ist eben schmerzhaft. Alles ist da dabei: Traurigkeit, Reue, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Ohnmacht, sich klein fühlen.
Gleichzeitig ist das der Weg in die Schatten-Freiheit.
Nach dem Durchfühlen all dieser Gefühle und dem Erkennen der Gründe warum das so ist und war -
all das prasselt wie ein Schwall auf mich ein – integriert sich der Schatten in das gesamte System (Schritt 3).
Bei mir ging das automatisch.
**Schmerz oder Unwohlsein: In der Situation den Schatten offenzulegen und darüber zu sprechen warum der Andere ein Unwohlsein auslöst wäre die Lösung ohne Projektion. Das ist meistens unangenehm und erfordert Mut. Denn es fühlt sich ja in dieser Situation vielleicht peinlich, unsicher, schmerzhaft an die Kindheit erinnert, wenn man abgelehnt wurde in der Emotionalität – all das ist der Schatten und darüber zu sprechen ist vermutlich schwer. Natürlich versucht das Ego zu helfen, diesen Schmerz zu vermeiden und geht eben daran die Situation im Aussen zu verändern mit Abblocken, Lösungen bombardieren usw. damit sich die Situation im Aussen, also der Andere verändert, anstatt den eigenen Schmerz zu entblössen – vor sich und vor anderen. Und dann noch das Risiko, weil wir ja nicht wissen, wie der Andere reagieren wird und wir uns ja grad verletzlich zeigen. Oh man…
Tja was soll ich sagen, so funktionieren wir nun mal, besonders dann wenn man schmerzhafte Ereignisse aus dem eigenen Leben nicht durchgearbeitet hat.
Das Blatt ist nun leer. Ein Neubeginn steht vor der Tür. Mit der Annahme meines Schattens (ja, ich habe auch einen Teil in mir, der schwach und bedürftig sein will und darf) bin ich mehr ganz (Schritt 4).
Ein Leben in dem ich auf andere anders zugehen und reagieren kann. Und sie vermutlich dann auch auf mich anders reagieren werden und wir das als positiv erleben.
1) Schatten finden/erkennen
2) Beleuchten
3) Fühlen und Gründe erkennen
4) Annehmen
Ich bin ja dafür, dass wir alle so gut es geht unsere inneren Kriege zu beenden um mehr in Ganzheit und Harmonie leben zu können. Deswegen mache ich diese Arbeit und ich habe mit mir begonnen um dann mit meinen KlientInnen weitermachen zu können. Schattenarbeit ist auch ein häufig auftauchendes Thema in meinen Beratungen.
Kenn ich meinen Schatten, anstatt unbewusst mit ihm zu Leben ist ein wahrhaftiges Gespräch möglich (mit mir selbst, mit dem Anderen), worum es wirklich geht und das schafft Vertrauen, Sicherheit, echte Nähe.
Jung sagt dazu:
„Die heutige Fragestellung ist nicht mehr: Wie kann ich meinen Schatten loswerden? Denn dazu hat man genug gesehen vom Fluch der Halbseitigkeit. Vielmehr muss man sich fragen: Wie kann der Mensch mit seinem Schatten leben, ohne dass daraus eine Reihe von Unglücksfällen entsteht? Die Anerkennung des Schattens gibt Grund zu Bescheidenheit, ja zur Furcht vor dem unergründlichen menschlichen Wesen. Diese Vorsicht ist sehr angezeigt, insofern der Mensch ohne Schatten sich harmlos vorkommt, eben aus Unkenntnis seines Schattens. Wer aber seinen Schatten kennt, weiß, dass er nicht harmlos ist. […] Der Vorteil der Situation, bei allem Risiko, besteht darin, dass mit der Herausstellung der ungeschminkten Wahrheit das Gespräch auf das Wesentliche gekommen ist und damit das Ich mit seinem Schatten nicht mehr in der Zweiheit oder Gespaltenheit verharrt, sondern zu einer, wenn auch konflikthaften, Einheit zusammengesetzt ist.“ (aus GW 16, §452)



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